Katholische Pfarrei St. Martin Wehr (Baden)
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Zur Historie

Die Kanzel der Pfarrkirche St. Martin Wehr während der letzten 200 Jahre.

Verschiedene Aufhängungsorte 

Unsere Kanzel befindet sich nun wieder an ihrem ursprünglichen Ort unter dem Baselstab, der auf die lange Verbindung mit der Stadt Basel seit den Zeiten des Klosters Klingenthal hinweist (sh. Geschichte). Gegenüber der Kanzel hängt unter dem schönauschen Wappen unser Missionskreuz, sodaß nun auch wieder der ursprünglichen baulichen Konzeption der Kirche entsprechend die Verbindung zwischen den offenbarten Grundlagen der Verkündigung: Altes Testament (durch die Gesetzestafeln auf dem Schalldeckel), Neues Testament (durch die Apostelsymbole), Heiliger Geist (symbolisiert durch die Taube unter dem Schalldeckel) zu Jesu Tod und Auferstehung hergestellt wird.

Die Kanzel auf einem historischen Photo aus der Zeit vor der Erweiterung der Kirche 1908-10: Deutlich erkennbar die ursprüngliche Kanzeltreppe und die Abendmahlsdarstellung in der Apsis über dem Hochaltar. Die Kanzel bei der Glockenweihe im Jahr 1926 - die Glocken gingen im ersten Weltkrieg verloren. Nach dem neuerlichen Verlust der Glocken im zweiten Weltkrieg - Glockenweihe 1958 - die Kanzel befindet sich immer noch am ursprünglichen Ort. 1958 wurde die Kanzel an die erste Vierungssäule verlegt wo sie bis zu ihrer Entfernung 1984 blieb. Deutlich erkennt man die komplette Übervergoldung des Engels mit den Gesetzestafeln auf dem Schalldeckel. Die Kanzel nach der Restaurierung im Jahr 2012. Über der Kanzel der Baselstab. Gegenüber der Kanzel das Missionskreuz - kurz vor Ostern verhüllt.

Am jetzigen Ort hing die Kanzel von ihrem Einbau um 1810 bis Ende der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts. 1958 wurde sie an die erste Vierungssäule verlegt. Dies geht aus den oben gezeigten Bildern und einer Notiz, die in der Kanzel gefunden wurde (sh. Kanzel) hervor, die einen Zeitraum von über 100 Jahren umfassen.

Der gestalterische Zusammenhang zwischen Kanzel und neoklassizistischen Seitenaltären von 1910 - eine spannende kunsthistorische Detektivarbeit 

Aus der Analyse der einzelnen Farbschichten während der Restaurierungsarbeiten durch Restaurator Detlef Reimann in Kirchzarten ergab sich, daß die Kanzel als Verbindungsglied zwischen dem im Wesentlichen aus vollmarscher Zeit von 1810 stammenden Langhaus und dem im Jahre 1910 hinzugefügten Querhaus und Chorraum verstanden werden kann. Dies legt die folgende Analyse des Restaurators nahe:

Die farbliche Gestaltung und die Pinselführung der neoklassizistischen Seitenaltäre im Querhaus, die wie der Hochaltar aus dem Jahre 1910 stammen, legen die Vermutung nahe, daß beide vom gleichen Fassmaler bemalt wurden.

Die Kanzelfassung entspricht nun nach der Restaurierung wieder dem Original aus der Zeit um 1810. Die Seitenaltäre wurden 1910 vermutlich in grober Anlehnung an die Kanzelfassung von 1810 gefasst. Zu dieser Zeit dürfte sich die Kanzelfassung von 1810 in einem erheblich gestörten Zustand (immerhin liegen rd. 100 Jahre dazwischen) befunden haben. Nun wurde diese gestörte Kanzelfassung nicht "restauriert", sondern, weil kostengünstiger und einfacher auszuführen, weitgehend komplett übermalt.

Die Kanzelfassung (Übermalung) von 1910 bis 1986 entsprach damit stilistisch einer Mixtur aus den Fassungen von 1810 und 1910, ebenso wie die Fassungen der Seitenaltäre, nur mit dem Unterschied, daß die Seitenaltäre vermutlich eine Fassungsschicht weniger aufweisen. Dabei stellt sich aber noch eine weitere Frage: sind die gegenwärtigen Fassungen der Seitenaltäre noch original (also noch aus der Zeit um 1910), oder wurden auch hier in der Zwischenzeit Veränderungen / Übermalungen vorgenommen und wenn ja, in welchen Umfang. Dies könnten evtl. nur Freilegeproben an den Seitenaltären klären.

Genaueren Aufschluß und Absicherung der oben dargestellten Hypothese könnte eine Untersuchung der Schichtfolge an den Seitenaltären bringen.

Pfarrkirche St. Martin Wehr - Langhus mit wieder eingebauter KanzelNach derzeitigen Kenntnisstand stellt die Kanzel also die gestalterische Brücke zwischen den baulichen Hauptphasen unserer Kirche dar. Vielleicht fügt sie sich auch deshalb so harmonisch in das Gesamtbild und es entsteht der Eindruck einer neu gefunden Harmonie des gesamten Kirchenbaus.

Möglicherweise hatten viele Besucher auch deshalb direkt nach dem Wiedereinbau den Eindruck, daß unsere Kanzel nie ausgebaut worden war, freuten sich an der gelungen Restaurierung, die sofort ins Auge fiel - manchem fiel verblüffenderweise nicht auf, daß die Kanzel ein 25 jähriges Exil hinter sich hatte.

Anmerkung: Unter Fassung versteht man die Oberflächengestaltung beispielsweise durch Marmorierung oder Stukkatur eines aus einem anderen Material - in Falle von Kanzel und Altären Holz - erstellt wurde. Daher auch die Begriffe Fassmaler und fassen.

Die Fassung der einzelnen Kanzelelemente 

Bei den Relieftafeln mit den Evangelistensymbolen handelt es sich um jeweils aus einer Holztafel von einem Bildhauer geschnitzte, halbplastische Reliefs, die mit einer Weißfassung und Blattvergoldung überzogen wurden (analog zum Kanzelaufsatzputto). Die Fassung des Kanzelkorpus ist eine polychrome Marmorierung.

Eine historische Weißfassung entspricht im Aufbau einer Polimentglanzvergoldung, nur mit dem Unterschied, daß an Stelle des Blattgoldes ein Weißpoliment aufgetragen und mit einem Achat poliert wird. Die Polimentweißfassung erweckte so optische den Eindruck, daß der Gegenstand aus dem für die Zeit (ca. frühes 18. - 19. Jh.) besonders kostbarem Porzellan gefertigt wurde.

Da originale Weißfassungen sehr instabil sind, wurde bei der Kanzelrestaurierung eine wesentlich stabilere Pigmentweißfassung aufgetragen. Der dem Porzellan ähnliche Oberflächenglanz wurde durch den Auftrag eines speziell eingestellten, wasserverdünnbaren Acryllacks erreicht.


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