Katholische Pfarrei St. Martin Wehr (Baden)
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Restaurierungsbericht

Dokumentation der Restaurierung unser Kanzel durch Restaurator Detlef Reimann aus Kirchzarten

Objekt: Kanzel im Stil des Klassizismus, Holz, polychrom gefaßt und vergoldet
Herkunft: Johann Friedrich Vollmar
Datierung: um 1810 / 12
Standort: Kath. Pfarrkirche St. Martin, Wehr
Eigentümer: Kath. Kirchengemeinde St. Martin, Wehr
Restaurator:           Detlef Reimann, Kirchzarten

Vorbemerkung: 

Klasizistische Kanzel von Johann Friedrich Vollmar in der Pfarrkirche St. Martin WehrIm Rahmen des umfangreichen Umbaus der Kath. Pfarrkirche St. Martin (um 1806) wurde im Anschluß auch die Neugestaltung des Innenraums in Angriff genommen. Als eines der letzten Objekte entstand um 1810 die beachtenswerte Kanzel*. Sie ist ein vorbildliches Kunstwerk aus der Zeit des Klassizismus, geschaffen von dem bedeutenden oberrheinischen Künstler Johann Friedrich Vollmar (1751 - 1818), und Bestandteil der umfassenden klassizistischen Ausstattung der Pfarrkirche.

Im Verlauf ihrer Geschichte wurde die Kanzel innerhalb des Langhauses wiederholt versetzt. Dabei wurde auch das polychrome Erscheinungsbild verändert (Abb. 00).

*Winfried Aßfalg "Johann Friedrich Vollmar - Ein Henkerssohn wird Künstler"
Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2001 - ISBN 978-3-89870-019-1

Die Bilder mit den jeweiligen Beschreibungen auf die sich der Bericht bezieht, finden Sie auf der Seite: Bilder Restaurierung

Befund: 

Die Kanzel befand sich bei der ersten optischen Begutachtung in einem zerlegten Zustand. Anhand einer vorliegenden historischen Fotografie (um 1958) war zu erkennen, da einzelne Kanzelelemente fehlten:

  • Kanzelrückwand mit Ornamenten und Halbkapitellen
  • Standplatte des stehenden Putti vom Schalldeckelaufsatz
  • ebenfalls nicht mehr vorhanden war der originale Treppenaufgang (wahrscheinlich 1910 ersetzt worden).

Holzkern:

Die vorhandenen Kanzelelemente zeigten sich, den Umständen und ihrer Geschichte entsprechend, in einem verhältnismäßig befriedigenden Zustand. Der Holzkern wirkte zunächst stabil, ein aktiver Anobienbefall war nur an einzelnen Ornamenten (z.B. "Hl. Geist - Taube") sichtbar, war jedoch an den von Anobien nicht mehr aktiv befallenen Partien erheblich geschädigt. Z.T. bestanden diese nur noch aus einem "Netzwerk aus sog. harten Jahren" (Abb. 08 - 09). Rißbildungen und kleinere Ausbrüche waren, dem Alter und der bisherigen Lagerung entsprechend, in einem zu erwartenden und leicht zu ergänzenden Umfang (Abb. 05.2). Als besonders hervorzuhebende Schädigungen am Holzkern sind zu benennen:

  • Starke Schwundrisse am Kopf des Kanzelaufsatzputto.
  • Erheblicher Anobienfraß und Ausbrüche im Standbereich des Aufsatzputto.
  • Anobienfraß an der Oberseite des Schalldeckels im Übergang zur Wandfläche.
  • Erheblicher Anobienfraß und Ausbrüche an der "Hl.-Geist-Taube".
  • Umfangreichere Ausbrüche an der Corpusunterseite.
  • Starke Schwundrisse am Querholz des Kanzelcorpus.

Der Handlauf des Kanzelcorpus wurde als eine frühere Ergänzung aus Holzleisten und Sperrholzbrettern (vermutlich um 1958) erkannt (Abb. 11.4 - 11.5).

Fassung:

Die Handschrift der polychromen Kanzelfassung legte die Vermutung nahe, daß es sich hierbei um das Werk des gleichen Faßmalers handelte, der auch die Fassung der Seitenaltäre im Querhaus ausgeführt hatte.

Die stark verbräunte Fassung war trotz der zahlreichen Fehlstellen und Verputzungen noch gut lesbar (Abb. 01, 03, 03.104, 05). Bei der Marmorierung handelte es sich vermutlich um eine in Alkohol lösliche Tempera - Malerei. Die Verbräunung ließ auf einen verdünnten Schellacküberzug schließen (Abb. 11). Die Vergoldungen wurden als eine Polimentvergoldung auf rotem und schwarzem Poliment ausgeführt. Wobei es sich hierbei wahrscheinlich um zwei zeitlich voneinander getrennte Ausführungen handeln (frühere Ausbesserung). Teile der Polimentvergoldung waren poliert bzw. mattiert und patiniert. Es waren ferner an zahlreichen Elementen umfangreiche, z.T. vollständige Überarbeitungen mit Schlagmetall festzustellen (Abb. 02 - 02.1, 03 - 03.1, 07, 10, 12 - 13).

Im Rahmen der Restaurierungsmaßnahmen änderte sich z.T. die Befundlage. Nach einzelnen Freilegeproben ergab sich folgendes Bild:

Der Kanzelaufsatzputto war im angetroffenen Zustand, mit Ausnahme der "Gesetzestafel", komplett vergoldet bzw. mit Schlagmetall überzogen (Abb. 07). Die Vergoldungen waren mit

einem roten, leimgebundenem Poliment unterlegt. Ausbesserungen wiesen dagegen ein schwarzes Poliment als Untergrund auf. Die ursprüngliche Standplatte fehlte. Der Randbereich war stark von Anobien zerfressen und ausgebrochen. Auf der Rückseite des Putto fanden sich Brandspuren, wie sie durch das "Abbrennen" der Originalfassung entstanden sein könnten (1958?) (Abb. 07.3). Der durch die rechte Kopfhälfte verlaufende, bis zu 6 mm breite, vertikale Schwundriß war bereits bei einer früheren Maßnahme mittels eingeschlagener Nägel "gefestigt" worden (Abb. 07.2). Im Randbereich der sichtbaren Fehlstellen war eine Kreidegrundierung erkennbar. Proben in diesem Bereich ergaben, daß die angetroffene Vollvergoldung nicht dem Original entsprach, da Fragmente einer ursprünglichen Weißfassung und ein Lacküberzug derselben freigelegt werden konnten. Nach diesem Befund hatte der Putto ursprünglich eine Polimentweißfassung, die wahrscheinlich bei einer älteren Bearbeitung mit einem Lack überzogen wurde. Die Flügel und das Lendentuch waren polimentvergoldet, die Gesetzestafel hatte wiederum eine Weißfassung.

Der Schalldeckel, bestehend aus dem Deckel, einer Aufsatztrommel und aufgesetzten, vergoldeten Ornamenten, wies im Wandbereich den bereits o.g. erhebliche Anobienschaden auf. Ein aktiver Befall war allerdings nicht festgestellt worden. Ferner zeigte sich in diesem Bereich ein größerer Ausbruch im Holzwerk (hier war einerseits eine Bohrung für eine elektrische Leitung und andererseits ein größerer Ausbruch unbekannten Ursprungs auszumachen (Abb. 05.2). Der Strahlenkranz auf der Unterseite des Schalldeckels war aus einem Stück gefertigt (Abb. 05). Die umlaufenden Wimpel bestehen aus 7 Elementen. Einzelne Teile wiesen Brüche auf.

Die Fassung im angetroffenen Zustand basierte weitgehend auf der der Originalfassung. Allerdings wurde diese gänzlich überarbeitet und mit Schellack überzogen. Der Schellacküberzug ergab das stark verbräunte Erscheinungsbild (Abb. 02.1). Nach Abnahme der Schellacküberzüge zeigte sich, daß vor der Überarbeitung die ursprüngliche Fassung erheblich ausgedünnt (verputzt) wurde. Die erhaltene polychrome Substanz zeigt sich aber als für eine Rekonstruktion noch ausreichend. Die vergoldeten Ornamente waren ebenfalls gänzlich überarbeitet worden. Deutlich sichtbar waren Reste eines roten Poliments und Fragmente einer Polimentglanzvergoldung (Abb. 12.2). Dagegen zeigte der angetroffene Zustand eine matt vergoldete bzw. mit Schlagmetall überzogen Oberfläche.

Die "Hl.-Geist-Taube" war bereits bei einer früheren Arbeit durch das rückseitige Aufleimen von Holzleisten verstärkt worden. Der Holzkern war in großem Umfang von Anobien völlig zerstört. Einzig ein Skelett aus den "harten Jahresringen", sowie der Silberfassung sicherten noch die Oberflächenstruktur. Die oberen Schwingenmuskeln waren teilweise gänzlich zerstört (Abb. 08 - 09). Die matte Silberfassung entsprach ebenfalls nicht dem Original. Ursprünglich war diese als eine Polimentglanzversilberung auf rotem Poliment ausgeführt (Abb. 08.1 - 09.1).

Die originale Kanzelrückwand fehlte. Im Rahmen der Restaurierungsmaßnahmen wurde sie durch eine, dem Original angenäherte Neukonstruktion ersetzt. Dabei wurde bewußt auf eine nicht gesicherte Rekonstruktion der ursprünglichen Ornamente und Halbkapitelle verzichtet. Die Polychromie stellte eine Annäherung an das Original dar. Sie sollte zu einem geschlossenen, stimmigen Gesamterscheinungsbild der Kanzel beitragen.

Der Holzkern des Kanzelcorpus zeigte nur geringe Spuren eines nicht mehr aktiven Anobienbefalls auf. In der Vertikalen waren mehrere Spannungsrisse zu erkennen. Querverlaufende Holzpartien (unterer Abschluß) wiesen bis zu 6 mm breite Spannungsrisse auf. Der Handlauf wurde bei einer späteren Überarbeitung umgestaltet. Dabei wurden 4 x 5 cm starke Kanthölzer angeschraubt und genagelt (Abb. 11.4 - 11.5). Als Auflage wurde eine ca. 4 mm starke Sperrholzplatte aufgeleimt und genagelt und in der Frontansicht zu einem Halbrundstab geformt. Die Unterseite des Kanzelcorpus wies größere Ausbrüche auf, deren Ursprung vermutlich im Zusammenhang mit den Versetzungen der Kanzel (1910 / 1958 / 1984/5?) steht.

Die Fassung des Kanzelcorpus war durch die Überarbeitung wesentlich umfangreicher geschädigt, als dies beim Schalldeckel der Fall war. Größere Flächen waren bis auf eine vermutlich (?) ursprüngliche Lackgrundierung abgetragen (verputzt) (Abb. 11 - 11.3). Die noch erhaltene Substanz war aber noch ausreichend für eine Rekonstruktion / Ergänzung der historischen Fassung.

Unter der angetroffenen Vergoldung der beiden Relieftafeln, mit den Darstellungen der vier Evangelistensymbole, befand sich, Analog zum Aufsatzputto, eine Weißfassung mit einer partiellen Polimentvergoldung auf schwarzem Poliment (Abb. 02 - 03.2).

Bei den vergoldeten Ornamenten fanden sich Matt- und Polimentglanzvergoldungen. Diese wiesen sowohl ein rotes, als auch ein schwarzes Poliment als Unterbau auf. Letzteres dürfte wieder einer späteren Ausbesserung zuzuschreiben sein (Abb. 12 - 13). Die Mattvergoldungen entsprachen ebenfalls nicht mehr dem Original. Sie waren zudem mit einer künstlichen Patina überzogen. Die Holzkerne der Ornamente waren, mit Ausnahme kleinerer Brüche (Abb. 12 - 12.1), stabil und ohne aktiven Anobienbefall.

Corpustrommel und Abschlußornament wiesen keine gravierenden Holzschäden auf. Die Substanz der originalen Fassung war, abgesehen von der starken Verbräunung der Schellacküberzüge und nach deren Abnahme, weitgehend gut erhalten. Sie wies eine im Umfang geringere Verputzungen der Malschicht auf (Abb. 04).

Die Vergoldungen waren gänzlich mit einer Ölvergoldung / Schlagmetall überarbeitet. Es fanden sich aber Fragmente der ursprünglichen Polimentglanzvergoldung. Als Poliment waren auch hier ein rotes Poliment und ein später aufgebrachtes schwarzes Poliment nachweisbar.

Restaurierungsmaßnahmen: 

Die Grundlage der Restaurierungsmaßnahmen bildete das Restaurierungskonzept von 09.06.2011.

Dabei galt es primär die noch erhaltene, originale Substanz zu konservieren. Ergänzungen / Rekonstruktionen wurden nur in den zerstörten Bereichen vorgenommen. Dabei wurde ein, in seiner Gesamtheit stimmiges, allgemeine Erscheinungsbild angestrebt. Die Maßnahmen im Einzelnen:

  • Reinigung aller Oberflächen mittels Enzymreiniger.
  • Sicherung der von Verlust bedrohten, originalen Substanz mittels Injektion einer Leimlösung und Festigung der Ausbrüche in den Randbereichen.
  • Festigung der von Anobien zerfressenen Holzpartien durch wiederholte Tränkung des Holzkerns mit einer Harzlösung (Acrylharz 550/675 - 40%, bzw. Paraloid B 72), hier besonders der Schalldeckel, der Aufsatzputto und die "Hl.-Geist-Taube".
  • Abnahme der verfälschenden Holzergänzungen (Handlauf).
  • Abnahme der Schellacküberzüge und der polychromen Übermalungen.
  • Ergänzung fehlender bzw. gestörter Holzpartien mit Buchen- und Lindenholz.
  • Neuanfertigung der rekonstruierten Kanzelrückwand.
  • Neuanfertigung einer Kanzelaufgangsverblendung wg. des fehlenden Treppenaufgangs.
  • Freilegung des Kanzelaufsatzputto.
  • Freilegung der Relieftafeln mit den Evangelistensymbolen.
  • Ausbesserung der polychromen Fassung in Kasein - Tempera - Technik mit einem 2%-igen Zusatz von Acryl zu Stabilisierung.
  • Grundierung der holsichtigen Fehlstellen mit einem Haftgrund auf Acrylbasis.
  • Grundierung von Kanzelputto und Relieftafeln mit einem leimgebundenen Kreidegrund.
  • Ergänzung der ehemals polychromen Fehlstellen in Kasein - Tempera - Technik.
  • Neufassung der Kanzelrückwand und der Aufgangsblende in Kasein - Tempera - Technik mit einem 2%-igen Acrylzusatz.
  • Überzug der polychromen Fassung mit einem im Oberflächenglanz einer Wachspolitur angeglichenen, wasserverdünnbaren und reversiblen Acryllack.
  • Rekonstruktion der Weißfassung von Kanzelputto und Relieftafeln (reversible Acrylbasis).
  • Oberflächenreinigung der vergoldeten Ornamente.
  • Abnahme der künstlichen Patinierung der vergoldeten Ornamente.
  • Ausbesserung der angetroffenen Vergoldungen mittels ölgebundenem / leimgebundenem 22 1/2 Karat Blatt- und Pudergold / schellackgebundenem Goldpigment.
  • Überzug der vergoldeten Ornamente mit einem alkoholverdünnten, gebleichten Schellack (einheitlicher Oberflächenglanz / verstärkender Schutz der Vergoldungen gegen mechanische Einwirkungen).

Im Gegensatz zu den polychrom gefaßten Teilen wurde bei den vergoldeten Ornamenten, nach Absprache mit dem Auftraggeber / Bauleitung, von einer Freilegung / Erneuerung der Polimentvergoldungen abgesehen. Eine Ausführung in einer Matt- und Polimentglanzgold - Technik wäre mit einer erheblichen zeitlichen und finanziellen Mehraufwendung verbunden gewesen. Allerdings wurden noch vorhandene, sichtbare Polimentvergoldungen gesichert und Fehlstellen in diesen Bereichen dem Umfeld entsprechend angeglichen.

Ausführung: 09.2011 - 02.2012
Detlef Reimann, Restaurator, Kirchzarten


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